Donnerstag, 27. September 2007

alles ist wie früher

nur ein bisschen besser, und wir sind ein stück größer geworden. das einzige fach, vor dem ich mich fürchte, durchzufallen – ich fürchte mich ja schon nicht mehr. es gibt keine prüfung. eine andere dame hat sich dem kinderkriegen zugewandt und platz gemacht für einen angenehmen menschen. in zukunft wird die anzahl der kinder ein gradmesser für die blödheit der eltern sein, davon bin ich überzeugt. man kann ja auch mal in der geschichte nach den kindern von lou andreas-salomé und nietzsche suchen.
ein paar mehr oder minder ekelhafte dinge sind gleichgeblieben. die lehrveranstaltung eines weithin als fragwürdig bekannten herrn ist – ebenfalls fragwürdig. wir hatten noch nicht die ehre. dazu sind noch ein paar herrliche dinge gekommen.
inklusive der schulischen (oder sind das etwa schon akademische?) tätigkeiten ist mein leben gefüllt wie ein luftpolster oder ein apfelstrudel, wie eine katz im sack. schon seit tagen versuche ich, in den wenigen abendstunden, die mir noch bleiben, marie antoinette von stefan zweig, diesen wälzer, vorwärtszubringen. der stammt noch aus einer zeit, in der ich dachte, die zeit wäre mein, und lesen ein angenehmer vertreib. jetzt kann ich mir das schon wieder nicht leisten, obwohl ich gerade mit großer freude stefan zweig entdeckt habe. wenigstens konnte ich noch zwei bücher von mohamed choukri lesen, bevor es losging. stellen sie sich vor! im cafe central in tanger, von dem in "das nackte brot" und "zocco chico" oft die rede ist, habe ich im sommer auch meine gedichte geschrieben. leider weiß ich nicht mehr so genau, wo sie sich herumtreiben. aber der petit souk, der zocco chico, das banner der parti socialiste, das cafe central, wo ich mit der neuseeländerin und dem mohamed am abend rumgesessen bin und tee getrunken habe! der petit souk ist einer der schauplätze, die meine schönsten erinnerungen auskleiden.
außerdem gibt es dort herrliche fruchtsäfte, die dick sind wie roher teig und paradiesisch schmecken, weil die früchte dort das herrlichste sind, was es gibt, und in nichts an die grünen früchte erinnern, die man bei uns im spar bekommt und bei denen das fruchtfleisch in seiner härte dem kern gleicht.
tanger ist eine grauenhafte stadt und eine herrliche zugleich. sie ist nicht grauenhaft wie warschau, das trist ist und traurig. in ihr steckt das naturgewaltige, das – naturgemäß – grauenhaft und herrlich zugleich ist, oder: schön und hässlich.
und wenn man ein wenig darüber nachdenkt, zum beispiel, während man durch die medina geht, dann sieht man, dass es im grunde keinen einzigen unterschied gibt zwischen einem schafskopf und einem gewürz, außer dass der eine grauenhaft, der andere herrlich ist in unseren augen.
auch die kinder tragen beides in sich: das gute und das schlechte.verdorben und unschuldig zu gleich, abbilder der sehnsucht nach einfachheit, die sich in unsere köpfe projizieren, und gleichzeitig die sehnsucht nach dem besseren selbst in ihren köpfen tragend, von der einen seite bekommen sie eine zutiefst unlogische moral, von der anderen seite eine logische unmoral zugetragen und vereinen diesen beiden pole, indem sie mit der größten selbstverständlichkeit zwischen ihnen wechseln.
die armut frisst sich in kreisrunden schwarzen löchern in ihre zähne und offenbart sich in jedem ihrer lächeln – gleich ob aufrichtig oder falsch, und degradiert sie zu hingebungsvollen statisten, bisweilen klebrig wie kaugummi, im großen theater der tourismusstadt tanger.
bleibt man aber eine weile bei diesen scheinbar so austauschbaren kindern, entpuppen sich hinter der maske der darsteller kleine persönlichkeiten, die sich im alter von acht jahren immerhin schon in drei sprachen verständigen können. wenn sie dann, eine gruppe von vier oder fünf kleinen buben, auf ihren instrumenten eine kleine musik anstimmen, selbstverständlich, ohne anstrengung und fast wie nebenbei, aus reiner freude, als spielten sie nur ein spiel, das nur von intuition und von keinerlei regeln bestimmt ist, dann klingt einem das in den ohren, als verhöhnten sie damit, oder mehr noch, als wischten sie es einfach weg, das ganze musikalische abendland dieser vierzehnjährigen taktlosen, gefühllosen, rohen und nicht zuletzt oft gezwungenen klavierspieler, denen das gespür dieser kleinen buben auch in fünf jahren intensivstem musikunterricht nicht beigebracht werden kann.
so sehen also, dachte ich, die kleinen jungen aus, die mit trommeln in den händen geboren werden.

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