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Montag, 1. Juni 2009

wie ein kurzes auftauchen aus den wellen

am freitag habe ich ihn gesehen. drei tage und eine nacht habe ich mit ihm verbracht, drei jahre und ein halbes ist stets die erinnerung an ihn, aber er selbst nie bei mir gewesen. die erinnerung an ihn war immer eine verklärte. dass es ihn als traumbild in der ferne gab, war mir immer ein trost, wenn es mit anderen männern nicht klappte. er ist wie ich, dachte ich. er war mein bruder, irgendwo da draußen. ich wusste ja genau, wo er war, aber nicht, wie ich ihn erreichen konnte. und vielleicht wollte ich ihn auch nie erreichen. vielleicht war der weg das ziel. wenn die menschen nicht gut genug sind, konstruiert man sich das bild eines heiligen, den man anbeten möchte, aber wenn er von seinem sockel steigen würde und mit einem von angesicht zu angesicht reden würde, würde man erschrecken.
aber genau das ist mir passiert.
ich war mit s. in der kleinen stadt am see, und wir gingen in ein griechisches restaurant, um ein bier zu trinken. als der kellner mir die karte gab, musste ich ihn zweimal anschauen und konnte die ähnlichkeit, die er mit meinem traumbild aufwies, kaum glauben. ich wusste aber, dass er es nicht sein konnte. es war zwar seine heimatstadt, aber er war doch in der großen stadt und studierte und schrieb theaterstücke und würde doch niemals kellner sein. außerdem trug er einen bart.
die ähnlichkeit befremdete mich, aber gleichzeitig bedingte sie, dass er mir vertraut erschien wie ein alter freund. in manchen augenblicken sah ich ihn an und war mir sicher, dass er es war, und ich sah ihn lange an, sodass er wissen musste, dass ich wusste, wer er war, und er wusste auch, wer ich war, aber wir sagten nichts. er war sehr freundlich. ich erinnerte mich noch an seine stimme, ich glaubte mich zu erinnern, dass er hochdeutsch gesprochen hatte, aber dieser sprach gewöhnlich. aber dann sah ich wieder in seine augen und wusste, dass er es war.
dagegen sprach einzig und allein der kontext, in dem er auftrat. die rolle, die er spielte, war entschieden falsch. er sah sehr jung aus, und sehr unbedarft. meinem traumbild glich er nicht mehr. ich beobachtete ihn geduldig, während ich zwei bier trank.
erst als ein gast ihn überschwänglich begrüßte und dabei seinen namen rief, wurde alles um mich herum schwarz, und plötzlich, endlich war die realität zurechtgerückt worden. er war es. und ich wusste, was ich tun würde. ich hatte es immer schon gewusst.
als wir gingen, schob ich einen zettel unter mein bierglas. darauf stand, dass er mich anrufen solle. und meine nummer, natürlich. dann eilte ich davon, s., die von dem ganzen bis auf den schluss nichts mitbekommen hatte, hinter mir her. ich hatte ihr schon von ihm erzählt. den ganzen abend fühlte ich mich wie ein kind, dass genau das von ihm herbeigesehnte spielzeug in einem überraschungsei gefunden hatte. wie ein pirat, der seinen schatz gefunden hat. oder ich, die ich eine flaschenpost gefunden habe.
aber ob ich die flaschepost öffne, hängt nicht von mir ab. solange sie nicht geöffnet wird, bleibt die geschichte offen. oder vielleicht ist sie auch hier schon zu ende.

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