Freitag, 5. Juni 2009

Paila Marina

An dem Tag, an dem ich nach San Antonio fuhr, war es bitterkalt und stürmisch. San Antonio ist ein Städchen an der chilenischen Küste, das für seinen Fischermarkt bekannt ist. Der Fischermarkt bestand, wie ich bald sehen sollte, aus einem etwas windschiefen, aus Holzbrettern zusammengenagelten Gebäude, das zur Hälfte auf Stelzen im Wasser stand. Die hohen Wellen, die regelmäßig an die Außenwände des Marktes einbrachen, durchnässten die Fischverkäufer, die in hohen, weißen Gummistiefeln ihre Ware feilboten, riesige, an Haken aufgehängte Fische mit glänzenden Augen, lila Tentakel, rote Krebse und jede Menge Meeresfrüchte, die ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen hatte. Zum Vergnügen der Zuschauer gossen sie ab und zu Wasser über die Muscheln, die daraufhin zu klappern und piepsen begannen. Am Rande des Marktes warteten einige Seelöwen darauf, mit Fischköpfen gefüttert zu werden, und überall spazierten Pelikane herum.
Weil ich langsam richtig durchgefroren war, ging ich ins nächstbeste Lokal und bestellte mir eine Paila Marina, das ist eine typisch chilenische Suppe mit Fisch und Meeresfrüchten. Das, was der Kellner mir nach einiger Zeit brachte, sah aus, als hätte jemand den Inhalt des Tellers direkt aus dem Meer geschöpft. Und es schmeckte auch so. Just in dem Moment, in dem ich herausfand, dass die Muschel, die ich gerade verspeiste, ihrerseits Sand verspeist haben musste, kam der Kellner und fragte, ob mir seine Paila Marina schmeckte. Jaja, sagte ich, nachdem ich die Muschel geschluckt hatte, und ich konnte nicht sagen, ob ich in einem schlechten Restaurant gelandet war oder ob es hier am Meer kulinarisch immer so rustikal zuging. Hinterher war mir jedenfalls warm.
Als ich später meinem Freund von dieser Geschichte erzählte, ging er mit mir in den Mercado Central in Santiago und kaufte einen riesigen Sack Muscheln, aus dem er dann seine Nana eine herrliche Paila Marina zubereiten ließ, die mich für das Sand-Erlebnis mehr als entschädigte.

das kochbuch und die blumen des pazifik und so weiter

Die Idee, ein Kochbuch mit südamerikanischen Rezepten zu machen, kam mir während meiner Reise durch Südamerika. So wurde meine Reise, die mich durch Chile, Peru, Bolivien, Argentinien, Uruguay und Paraguay zu einer kulinarische Entdeckungsreise, und ich begann, Lateinamerika mit anderen Augen zu sehen.
Ich besuchte Fischermärkte am Pazifik und große und kleine Märkte in den Anden, wo hunderte Indianerinnen selbst angebautes Obst und Gemüse in allen Farben und Formen verkaufen, ich studierte Speisekarten aller möglichen Restaurants, von der Pizzeria in Buenos Aires über traditionelle bolivianische Gasthäuser in Potosí bis zur Empanadabude im chilenischen Concon, und ich begann, Rezepte zu sammeln.
Die Küchen dieser Länder sind genauso unterschiedlich, wie sie Gemeinsamkeiten haben.
Manche Speisen, wie etwa die Empanda, begegneten mir immer wieder auf meiner Reise, wenn auch immer in unterschiedlichen Varianten, am Meer mit Meeresfrüchten, auf den Bergen mit Kartoffeln und Fleisch.
Andere wieder, wie die Gerichte mit Meeresfrüchten, die man an der chilenischen Pazifikküste bekommt oder die üppigen, bolivianischen Eintöpfe, sind so einzigartig wie die Geographie der Regionen, aus der sie stammen.
Ich entdeckte, dass viele Gerichte, deren Namen in meinen Ohren seltsam klangen, Geschichten mit sich tragen, die mehr über den lateinamerikanischen Kontinent erzählen als manches Geschichtsbuch. Jede Speise erzählt so auf ihre Art, sei es, was die Zutaten betrifft, oder sei es durch ihren Namen, ein Stück lateinamerikanische Geschichte, erzählt von gestern und heute, vom Hochland, vom Meer und von exotischen Früchten, von Dichtern und Präsidenten. In jedem Gericht drückt sich die lateinamerikanische Kultur aus.
In diesem Buch habe ich meine kulinarische Entdeckungsreise zu Papier gebracht und Gerichte und Geschichten versammelt, die von einem Lateinamerika in all seiner Vielfältigkeit, wie ich es auf meiner Reise erlebt habe, erzählen.

Montag, 1. Juni 2009

wie ein kurzes auftauchen aus den wellen

am freitag habe ich ihn gesehen. drei tage und eine nacht habe ich mit ihm verbracht, drei jahre und ein halbes ist stets die erinnerung an ihn, aber er selbst nie bei mir gewesen. die erinnerung an ihn war immer eine verklärte. dass es ihn als traumbild in der ferne gab, war mir immer ein trost, wenn es mit anderen männern nicht klappte. er ist wie ich, dachte ich. er war mein bruder, irgendwo da draußen. ich wusste ja genau, wo er war, aber nicht, wie ich ihn erreichen konnte. und vielleicht wollte ich ihn auch nie erreichen. vielleicht war der weg das ziel. wenn die menschen nicht gut genug sind, konstruiert man sich das bild eines heiligen, den man anbeten möchte, aber wenn er von seinem sockel steigen würde und mit einem von angesicht zu angesicht reden würde, würde man erschrecken.
aber genau das ist mir passiert.
ich war mit s. in der kleinen stadt am see, und wir gingen in ein griechisches restaurant, um ein bier zu trinken. als der kellner mir die karte gab, musste ich ihn zweimal anschauen und konnte die ähnlichkeit, die er mit meinem traumbild aufwies, kaum glauben. ich wusste aber, dass er es nicht sein konnte. es war zwar seine heimatstadt, aber er war doch in der großen stadt und studierte und schrieb theaterstücke und würde doch niemals kellner sein. außerdem trug er einen bart.
die ähnlichkeit befremdete mich, aber gleichzeitig bedingte sie, dass er mir vertraut erschien wie ein alter freund. in manchen augenblicken sah ich ihn an und war mir sicher, dass er es war, und ich sah ihn lange an, sodass er wissen musste, dass ich wusste, wer er war, und er wusste auch, wer ich war, aber wir sagten nichts. er war sehr freundlich. ich erinnerte mich noch an seine stimme, ich glaubte mich zu erinnern, dass er hochdeutsch gesprochen hatte, aber dieser sprach gewöhnlich. aber dann sah ich wieder in seine augen und wusste, dass er es war.
dagegen sprach einzig und allein der kontext, in dem er auftrat. die rolle, die er spielte, war entschieden falsch. er sah sehr jung aus, und sehr unbedarft. meinem traumbild glich er nicht mehr. ich beobachtete ihn geduldig, während ich zwei bier trank.
erst als ein gast ihn überschwänglich begrüßte und dabei seinen namen rief, wurde alles um mich herum schwarz, und plötzlich, endlich war die realität zurechtgerückt worden. er war es. und ich wusste, was ich tun würde. ich hatte es immer schon gewusst.
als wir gingen, schob ich einen zettel unter mein bierglas. darauf stand, dass er mich anrufen solle. und meine nummer, natürlich. dann eilte ich davon, s., die von dem ganzen bis auf den schluss nichts mitbekommen hatte, hinter mir her. ich hatte ihr schon von ihm erzählt. den ganzen abend fühlte ich mich wie ein kind, dass genau das von ihm herbeigesehnte spielzeug in einem überraschungsei gefunden hatte. wie ein pirat, der seinen schatz gefunden hat. oder ich, die ich eine flaschenpost gefunden habe.
aber ob ich die flaschepost öffne, hängt nicht von mir ab. solange sie nicht geöffnet wird, bleibt die geschichte offen. oder vielleicht ist sie auch hier schon zu ende.

Donnerstag, 8. Januar 2009

humahuaca – flan de durazno

humahuaca kommt dann, wenn man denkt, hier kann kein dorf mehr kommen und liegt direkt an der höhenkrankheitsgrenze auf 3000 meter höhe. alles, was danach kommt, sind bitterarme indianerdörfer. es ist heiß, weil einem die sonne auf den kopf brennt, aber auch kalt, weil hier ein eisiger wind weht.
ich wohnte in einem kleinen hostal mit innengarten voller kakteen und tontöpfen, in dem weisse unterhosen im wind flatterten. es war drinnen genauso bitterkalt wie draußen. ich war allein mit dem chef, einem breiten, bärtigen, sehr sympathischen mann in gelber windjacke.
in humahuaca gibt es eine treppe, eine kirche aus kaktusholz und eine mechanische heiligenfigur. die treppe ist breit und so hoch, dass einem schwarz vor den augen wird, wenn man sie erklimmt. auf ihr sitzen argentinische tagestouristen, hunde, indianerinnen, die nähen, hippies, die perlen knüpfen und kleine, zerlumpte jungs, die einem gegen ein paar pesos gedichte vortragen.
um gegen zwölf strömen alle besucher des dorfs zur kleinen kirche, denn wenn die glocke schlägt, öffnet sich ein türchen im turm, und der heilige franziskus, eine grimmige holzfigur, hebt den arm und segnet die menge, in wahrheit ist es eine drohgebärde.
sobald es dunkel wird, wird es richtig kalt. ich ging in mein hostal und setzte mich in einen raum mit vielen tischen und stühlen. der chef saß an einem der tische, vor sich eine riesige thermoskanne. er war nicht mehr alleine, in der küche nebenan arbeitete sein freund, ein schmaler, blonder mann, der stets etwas besorgt aussah.
mir ist kalt, sagte ich.
der chef bot mir seine gelbe jacke an.
ich geh nicht mehr raus, sagte ich, ich hab alles gesehen. morgen fahr ich weiter, rüber nach bolivien.
hast du alles gesehen, fragte der chef.
ich glaube schon, sagte ich.
ich will nämlich nicht, dass du dich langweilst, sagte er und schob eine kassette in den videorecorder. das ist eine reportage über die quebrada de humahuaca, die gegend hier, meinte er.
dann goß er heißes wasser aus der thermoskanne in die kalebasse und reichte sie mir. das war das erste mal, dass ich mate getrunken hatte.

eine andere geschichte: mermelada de papaya

wir fuhren weiter nach pisco elqui, tiefer geht es nicht rein ins tal. wir sind nun ganz oben eingebettet in den bergen, jetzt geht es nur noch zu fuß rüber nach argentinien.
wir suchten ein zimmer in psico elqui. überall, an allen häusern, hing ein grünes schild, an dem mit verschnörkelter weisser schrift stand: mistral.
mistral ist laura vicuña, die nobelpreisträgerin, die im valle elqui geboren wurde. pablo neruda kennt jeder, aber laura vicuña ist außerhalb chiles nicht sehr bekannt: sie ist die ruhig strahlende, sanfte schutzheilige der chilenen, der stolz des landes, mitunter verehrt wie die mutter gottes. mistral ist auch eine marke, mistral ist ein pisco. der pisco ist ein sanfter, fruchtiger traubenschnaps, um den zwischen chile und peru schon seit jahrhunderten ein böser streit brennt, der mitunter sogar politische dimensionen annimmt. die peruaner behaupten, den pisco erfunden zu haben, und wollen den chilenen verbieten, den namen pisco zu benutzen, und vice versa. es ist offensichtlich, dass die chilenen im unrecht sind, aber fragen sie die chilenen. an kampfeseifer fehlt es ihnen jedenfalls nicht: das dorf, in dem wir waren, wurde aus protest gegen die peruaner 4000 km weiter nördlich pisco elqui genannt.
wir kamen an ein riesiges, altes haus mit weißen rosen davor. die tür stand offen, wir traten ein, von tief drinnen hörte man kinderlachen, es herrschte eine gepflegte unordnung, die räume waren hoch, die flure tief. ein kleiner, dicker junge kam uns entgegen, an die wand gedrückt. wir fragten ihn, ob sie ein zimmer frei hätten.
ich frage meine mutter, sagte er und verschwand in den tiefen des hauses. wir hörten lautes gerede, dann kam er wieder. es ist nichts mehr frei, sagte er.
als wir wieder hinausgingen, sagte ich: dieses haus würde ich gerne kaufen.



decamerone

am nächsten morgen war die dunkel-mystische atmosphäre einem unschuldig-zauberhaften glanz gewichen. schmale, mit stein gepflasterte wege und stufen schlangen sich durchs gras, überall blühte es und grünte es üppig, ein kleines paradies lag einem beim frühstück zu füßen.
die sonne schien durch die veranda, und es gab ein buffet mit selbstgebackenem brot, echter, in wasser gekühlter butter, sogar eine wurstplatte und käse gab es, außerdem manjar und zwei sorten marmeladen.
vor dem fenster stand ein strauch mit handtellergroßen, weißen blüten. ich probierte die marmelade und konnte nicht sagen, was es war, zuerst dachte ich, es wäre ananas, sie schmeckte fruchtig, weich und etwas karamelig. wir konnten es nicht sagen, also fragen wir nach. sie kam an unseren tisch, ich deutete auf die marmelade, sie hob die augen, sah etwas, lächelte und zeigte nach draußen.
vor einer dieser riesigen blüten schwebte ein kolibri. seine flügel bewegten sich so schnell auf und ab, dass sie einem vor den augen verschwammen, und er war so winzig wie ein insekt, vor allem, weil er seine nase in eine besonders große blüte steckte.
mermelada de papaya, sagte sie, casera! hausgemachte papayamarmelade. ich hatte noch nie einen kolibri gesehen. in diese marmelade ist der ganze tageszauber dieses tales eingekocht, all die früchte und pflanzen, die kleinen vögel, die blumen am wegesrand, die kleinen blumen im großen tal.

Mittwoch, 7. Januar 2009

das valle elqui – churrasco

wir gingen einen langen weg. wir fuhren durch die staubigen berge, hoch oben wir im mond, nur steine und riesige sandgesteintürme. wir waren allein, tausendabertausendmal kleiner als die berge, die uns kilometerweit umgaben. wir waren weit weg von allem, weit weg von den großen, glitzernden städten la serena und santiago, weit weg vom meer...und doch war es das meer, das den himmel hier oben reinigte, und es war die weite entfernung der städte, die den himmel so rein hielt, dass es keinen anderen ort auf der welt gibt, an dem die sterne so hell und so klar leuchten wie in diesem hochgelegenen, einsamen tal.
die sandstraße schlängelte sich einsam durch die berge, mal schnurgeradeaus, kilometerweit, dann wieder in serpentinen rauf und runter. nur ab und zu fuhren wir an einer estancia vorbei, ein paar grüne felder, ein schild, auf dem stand, dass es hier gemüse gab, und vor allem: wasser und brot.
wir fuhren stundenlang. als die sonne unterging, holte ich die kleine dose aus dem handschuhfach und drehte einen joint aus duftendem, aromatischem chilenischem gras. ich öffnete das fenster und zündete ihn an, während die sonne hinter der berglandschaft verschwand.
plötzlich verschwand das gelbe der berge. es wurde dunkel. wie die sonne abgeblättert war von den bergen, wurde die welt plötzlich grausam. es gab kein licht mehr in der welt außer den scheinwerfern des jeeps und den sternen, den fernen...die berge wurden zu schwarzen schatten, alle miteinander verschmolzen und auch verschmolzen mit dem boden, eine riesige schwarze masse, und wir, ameisen. man fragte sich, was drin war in ihnen. ich begriff, was größe war. groß, riesig, enorm, mächtig.
plötzlich hielt der wagen an, und er stieg aus und ging ins dunkel, bis ich ihn nicht mehr sah. ich wusste nicht, was er tat. er sprach nicht mit mir. ich ging ihm nach, und er stand da und schaute hangaufwärts und schaute nur. ich hatte angst, dass jemand kommen würde. es war gefährlich hier, es gab kein haus, keinen menschen, kein licht, kein strom, kein netz, kein wasser, kein wegweiser, kein stern war mehr am himmel zu sehen, nur in der ferne leuchteten die scheinwerfer des jeeps. ich war noch nie so allein gewesen in der welt. kilometerweit weg von allen menschen, nur allein mit diesem menschen. und doch fürchtete ich, dass jemand eindringen würde. ich fürchtete die abwesenheit des beobachtetenden dritten. es ist immer einer, der angreift, und der dritte, der beobachtet und eingreift, wenn der zweite den ersten angreift.


endlich kamen lichter, kleine laternen, ein dorf schälte sich aus dem ewigen gestein. ovalle!
eine schmale straße, hoch oben in den bergen, tief in den tälern, links und rechts kleine häuser, leuchtende fenster, winzige, vollgestopfe läden, bunte schilder, dunkle nacht.
wir hielten, nein, jetzt bin ich wieder dort, wir halten an einem kleinen restaurant, ein terrasse, bunt geschmückt, es ist dunkel, dunkle nacht, und es ist sehr heiss, oder ist es kühl hier oben? nein, das tal ist heiss, und wir gehen hinein, hellblaue wände, flackernde lichter an den wänden, eine dicke, kleine frau mit schwarzem, glänzendem haar und einer schürze kommt uns entgegen.
esta abierto, fragen wir?
natürlich, natürlich ist offen, antwortet sie und führt uns in einen raum, ein paar tische, mit spitzendeckchen gedeckt, obendrauf der metallbecher mit den papierservietten, dunkelgrüne plastikstühle, auf denen cristal steht, das bier, dass die ganzen chilenen hier saufen, eine theke voll mit bier und coca cola, laute musik, wir sind ganz allein, da ruft einer, dass es mich fast vom hocker reisst, aus dem halbdunkel der bar, wo ich niemanden erwartet hatte.
hinter der theke steht ein mann, halb im licht, halb im dunkel.
que quieren beber, ruft er, der alte hund, den mund voller goldzähne, eine eiskalte cola oder lieber ein kühles cristal?
wir nehmen das cristal, er bringt es sofort. dann kommt die dicke frau wieder und zählt auf, was es zum essen gibt, viel ist es nicht. papas fritas, ensalada a la chilena, ensalada verde, hamburguesa, churrasco.
wir nehmen einen churrasco, und ich sage euch, nach einer stundenlangen autofahrt, dazu ein kaltes bier, gibt es nichts besseres als einen saftigen churrasco. wenn er auf dem tisch steht, gehen einem die augen über, und der magen schreit.
ein richtig guter churrasco italiano ist etwa so breit wie vier brötchen, im quadrat, versteht sich.
man schneidet also das riesenbrot auf, weiss muss es sein und ganz weich und frisch. hinein kommt ein frisches gebratenes rindsfilet, so dünn wie möglich geklopft, dann ein paar frische tomatenscheiben, avocadopürree, ketchup und mayonnaise. das tüpfelchen auf dem i ist aber eindeutig das avocadopürre, ohne dessen saftigem grün der churrasco bloß rot-braun wäre. so ein feines, üppiges ding, dass man dazu noch überall bekommt, gibt es selten auf dieser welt, diese ausgewogenheit aus fettheit und sanftheit, aus saftigkeit und weichheit, feinheit und grobheit, aus tier und aus pflanze, delikatestes fastfood, das die reinen produkte der chilenischen felder mit aus dem norden amerikas importierter esskultur verschmelzen lässt und zu dem außer pommes, bier und cola nichts passt.

Donnerstag, 20. November 2008

wie definiert man ein weib?

gestern war ein lustiger tag, aber wie. es gab kuchen und krapfen und auch schweineöhrchen, denn man feierte den 2. geburtstag meines bruders. derzeit geistern wieder rosa-blau-diskussionen und schlimmeres in meinem gehirn herum, weil wir gelernt haben, dass in der wikipedia 88% der wichtigen eintragverfassenden männlichen geschlechts sind, obwohl es eigentlich anders rum sein müsste, ginge man nach den gegewärtigen geschlechtsspezifischen fähigkeiten – es müsste nur so wimmeln vor frauen! es war paradox. die einzige antwort die vermaledeite erziehung, die aus mädchen passive heulsusen und aus jungs aktive rambos macht.
jedenfalls war da auch eine von mir ansonsten sehr geschätzte dame, die sich irgendwie verweigerte und mit dem satz: "jede frau kann selbst entscheiden" sich von jeglicher beeinflussung durch die gesellschaft, in der sie lebt und derer erziehung freisprach. nun ja.
das war eher nicht so lustig, das kam erst später.auf dem kindergeburtstag waren eine ganz kleine, zierliche thailänderin und ein umso größerer, breiter mann, die bis vor kurzer zeit noch in thailand gelebt hatten. die beiden hatten ein großes und starkes vierjähriges mädchen, das locker als siebenjährige durchgehen hätte können, und das von einem strarken bewegungsdrang erfasst war und sport auf dem sofa trieb.
meine großmutter staunte über dieses wilde bündel, und die mutter der tochter sagte: sie ist wie ein junge.
blöderweise hörte die tochter das und wies die mutter empört darauf hin, dass sie kein junge sei, weil sie ein rosarotes sweatshirt und ausserdem lange haare trug.
so bekam ich innerhalb einer minute zwei völlig entgegengesetzte, aber dennoch gleichermaßen absurde definitionen von weiblichem geschlecht zu hören – ich sympathisiere mit keiner so richtig, aber wenn, dann muss ich mich auf die seite des mädchens, das wie ein junge ist, stellen.
und hoffe doch, dass, wenn sie dereinst ihre tertiären geschlechtsmerkmale wie rosa kleidung und lange haare einst abzulegen wünscht, ihr temperament hingegen behalten möchte (was ich ihr wünsche!), man sie nicht mit einem mannsbild verwechseln möge.








 

Montag, 28. Januar 2008

stürmisch

heute hab ich vom großen sturm geträumt. er war auch ein tsunami, und man konnte in wind und wasser surfen ohne surfbrett und sich treiben lassen wie ein vogel in einer sehr großen waschmaschine.
es war ein herrlicher traum, wie es die meisten träume ja sind, die sich mit körperlichen erlebniswelten beschäftigen: essen, sex und musik. von musik träume ich zu selten, statt dessen verwandle ich musik in einen traum, indem ich sie konsumiere, während ich halbschlafe, jemanden küsse oder im mich endstadium eines rausches niederlege. oder alles zusammen.
von solch größeren naturgewalten aber träumt man ja meistens nicht schön. mir aber ist die welt schon längst zu einem erlebnispark geworden, deswegen vielleicht doch. tsunami? –wasserrutsche! flugzeugabsturz? –flugsimulator! autounfall? –autodrom usw. usf.
der sturm war also ziemlich cool in meinem traum. für die anderen, für die der sturm nicht im traum war, war er nicht so cool. er war nicht cool. er hat häuser abgedeckt und das übliche, und ich hätt es ja erst heute aus österreichs großformatigerer zeitung an der supermarktkasse erfahren auf eine ziemlich anbiedernde art: österreich total zerstört! ach ne. ein glück, dass ich noch nicht total zerstört bin.
ich bin ja auch nicht besonders hellsichtig. am abend, ich kam gerade von einem nachtspaziergang, den ich regelmäßig eine oder zwei nächte nach einer durchfeierten nacht durchführe, und mich wieder an die normale welt heranzuführen, erschrak zunächst einmal meine oma, wie ich zur tür hereinkam. das ist nichts neues, denn sie erschrickt immer, wenn sie mich sieht und redet dann was von schwarz...und groß...und gestalt, oder sie schreit: mama! deswegen habe ich eigentlich überhaupt keine lust mehr, sie anzusprechen. nach zwei jahren sollte sie sich daran gewöhnt haben, dass einem jemand, der sich ab und zu in der wohnung aufhält, hallo sagen könnte.
als rache dafür, dass sie mir zu so einer unchristlichen zeit zwischen tür und angel begegnen musste, auch wenn ich gerade ein- und nicht ausging, verwickelte sie mich in ein gespräch, bei dem ich von anfang an null chancen gegen sie hatte.
ihre argumentation war wie immer bemerkenswert, verbandelte sie doch gleich geschickt das steiermärkische unwetter mit meinem auslandsaufenthalt.
die folgende unterhaltung will ich etwas verkürzt darstellen. die kernthemen bleiben jedenfalls erhalten.
ich mag gar nicht daran denken, wenn du im flugzeug bist, wenn es so zu geht!
nachdem ich meine verblüffung überwunden hatte, versuchte ich ihr zu erklären, dass mein abflug sowohl räumlich als auch zeitlich und auch sonst irgendwie in jeder hinsicht weit weg ist von diesen unsäglichen unwettern, die gott bestimmt wieder nur dazu geschaffen hatte, um meiner oma einen grund zu geben, mich fertig zu machen.
das beeindruckte meine oma gar nicht. sie hatte nämlich schon die apokalypse gerochen.
und wenn du nicht mehr zurückkommst, warf sie mir vor.
ich nahm das schon gar nicht mehr ernst und gab ihr die einzig richtige antwort auf diese frage: dann bleib ich eben dort.
damit nahm ich ihr kurz den wind aus den segeln – hatte sie nun buße erwartet? – aber sie holte nur atem für ihre letzte bosheit, denn nun wurde sie ernstlich böse.
wie kann man nur so liederlich sein und so weggehen!
ich wusste nicht, war das ein verborgener, längst fälliger vorwurf für mein nächtliches fernbleiben unlängst – das hätte mir ja eingeleuchtet, aber was ein katholischer mensch an einem auslandsaufenthalt liederlich finden soll, muss man mir erst mal klarmachen. nein, sie meinte natürlich meinen auslandsaufenthalt.
anstatt ihr zu erklären, dass meine von ihr so verehrte katholische freundin sich in noch wilderen südamerikanischen ländern herumtrieb, während ich vordergründig ja nicht zum mich herumtreiben dahin gehe, also wirklich, murmelte ich mein in solchen situationen immer passendes jaja und verschwand in den tiefen der wohnung.
ums mit ulrich plenzdorf zu sagen: ich weiss nicht, ob mich einer versteht.

Dienstag, 8. Januar 2008

ein anderes leben

gestern habe ich zum ersten mal von meinem abflug geträumt. das heisst, dass das andere leben jetzt aus dem dunkel meines unterbewusstseins herauskriecht und an die pforten meines bewusstseins klopft.
zuerst träumt man einen fernen traum: dass man irgendwann irgendwohin gehen kann. man weiss aber noch nicht, wie und ob das passiert.
später bekommt man handfesteres, orte zur auswahl und ein datum.
dann wählt man einen ort aus. dann ist es nur noch ein jahr. ein jahr dauert lange.
irgendwann weiss man schließlich, dass die äußerlichen umstände gegeben sind, um zu gehen. der abgang wird beschlossen.
dann ruht alles wieder in der ferne. schließlich kommt die zeit, in der man sich um formalitäten kümmern muss. man steckt in einem haufen papier, der einen einzig nicht erdrückt, weil durch das ausfüllen jedes formulares der traum ein wenig näher rückt und sich mehr und mehr erfüllt, und dann hat man ihn schwarz auf weiß, und dann ist er da.
was aber in einem selbst passiert, ist viel eigenartiger. richtig freuen kann man sich nicht auf etwas, das erst in einem jahr passiert, denn die freude ist immer nur so greifbar wie die sache, auf die sie sich bezieht. die freude ist nicht weniger abstrakt als die sache.
dann ist man nur noch ein halbes jahr da, vier monate, drei monate. die freude wird konkreter, aber dann passiert etwas seltsames: das weinende auge gesellt sich zu dem lachenden auge. alles, was man verlassen wird, wirkt noch einmal mit unglaublicher intensität auf einen ein. man denkt jetzt nicht nur daran, was für einen selbst alles anders wird, sondern auch, was hier anders wird und was anders wird dadurch, dass man das hier verlässt und ans dort geht. und man wird sich bewusst, dass zum ankommen auch das verlassen gehört.
dazu gehören vor allem menschen. man verlässt die menschen, bevor man wirklich geht, und sie verlassen einen. es ist nicht so einfach, wie man denkt. man steigt nicht ins flugzeug, und sie winken einem zu. sie sind schon vorher in alle winde zerstreut. dann kommt wieder ein anderes gefühl: jetzt fühlt man sich verlassen.
ich fühle mich schon wie ein fremdkörper in meiner schule, habe das gefühl, dass ich eigentlich gar nicht mehr hier sein darf. ich bin scheu geworden.
jetzt gehöre ich hier nicht mehr her und dort gehöre ich auch noch nicht hin. ich schwebe in leeren tagen zwischen dem hier und dem dort.
der flug ist gebucht, das zimmer ist so gut wie sicher, das visum ist in den händen des konsul sicher gut aufgehoben, formulare werden weiter fleißig ausgefüllt.
ich arbeite an unserer radiosendung und recherchiere über die einzigartige beziehung von musik und drogen. ansonsten hat mich der schweinehund am bein gepackt und will mich nicht ganz loslassen. ich brauche eine struktur, sonst werde ich depressiv. ich brauche abgaben! ich brauche stress! bis montag habe ich zeit.
noch fünf wochen. dann bin ich geschichte, wie die schweizer so schön sagen. und dann beginnt eine gute geschichte.

Freitag, 5. Oktober 2007

mehr essen oder weniger trinken?

ich kann kein huhn mehr sehen. am liebsten wäre mir jetzt schon ( und es ist 08.57.31) ein putenfleisch in kokosnusssauce und mit rotem chili. lange hab ich gedacht, ich mag kein ei, aber ich mag das ei sehr wohl. nur nicht süß, ich mag keine kuchen, die nach ei schmecken, also keine eierkuchen und keine eierspeis. ich mag auch keine rühreier. ich mag dafür hartgekochte eier und mayonnaise (keine "majonäse"). darum mag ich auch sehr gern französischen salat. der unterschied zwischen französischem und italienischem salat ist die wurst. im italienischen ist wurst drin. so hat es mir zumindest meine mutter erklärt.
es hat nicht jeder, der das glück zu essen hat, das glück, etwas gutes zu essen. glück im unglück ist dann, wenn man kein gourmet ist. ich kenne solche menschen, sie stellen eine offene fischdose in die speisekammer (und nicht etwa in den kühlschrank). gegen solche menschen gibt es den islam. aber fisch ist kein schwein, das wissen schon die vegetarier. es ist nicht gut für das schwein, wenn man es isst, aber dem fisch ist das egal. der fisch hat ja die nerven verloren.
aber nicht alles, was im meer schwimmt, ist auch ein fisch. wenn man eine thunfischdose in die hand nimmt, erkennt man sehr schnell, dass man einen thunfisch essen darf, aber keinesfalls ein delphin. hier steht der gute delphin auf einer stufe mit dem guten schwein. aber so einfach ist es nicht! denn auch wer ein schwein isst, ziert sich oft, den delphin zu essen. warum? ist der delphin etwa klüger als das schwein? und hübscher? und hat es nicht immer so ein grinsen im gesicht, das possierliche tierchen? und wird er nicht stets reingewaschen vom meer, während das ekelhafte schwein den dreckigen stall aufsucht?
fragen über fragen. egal: ein schwein bleibt ein niederes tier, während der delphin weiter anmutig durch die wellen des großen weiten meeres gleitet und von allen im zoo angebetet wird. weiß man, dass der delphin ein zahnwal ist? im sutterlüty gibt es so gläser, da steht "elfin" drauf. angeblich sind da rollmöpse drin, also ein hering. aber sollte uns der name nicht zu denken geben? kann denn eine solche ähnlichkeit zufall sein?

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